Ein offener Brief

Mit Sicherheit kann ich nicht sagen, ob ich Tim ein guter Bruder war. Sicher ist nur, dass er mir ein guter gewesen ist.
Ich habe in den letzten Tagen oft darüber nachgedacht, was ich alles tun würde um meinen Bruder zurück zu bekommen. Es waren triviale Dinge, wie das Arbeiten in den miesesten Jobs, das Leben am Existenzminimum oder das Verkaufen von allem was ich habe. Diese Gedanken brachten mich nicht weiter und so habe ich dann meine Ansprüche herunter gesetzt. Ich wollte einfach nur noch erfahren, was meinen Bruder so fürchterliches wiederfahren ist, dass er diesen gewaltigen Schritt gehen musste.
Der Wunsch eine Sache, die so fürchterlich und unendlich traurig ist, umzukehren, ist enorm. Zu wissen das es nicht geht und das es keine Chance dazu gibt ihn wieder zu sehen oder zu erfahren, wieso er tat, was er tat sind ebenso schwer zu glauben. Diese Wünsche sind genauso kindlich wie naiv.
Also war ich sehr traurig darüber, als ich merkte, dass ich zum Teil alles wie vorher wollte, weil ich das Leben, dass ich mir bis dahin vorgestellt hatte, nicht verlieren wollte. Der Weg, den wir alle zusammen eingeschlagen hatten, war mit einem Mal zu Ende. Und ich bin gezwungen jetzt neu zu leben, wie ich es von mir selbst verlange. Der Halt, den ich geglaubt habe ewig zu behalten ist weg. Denn ich habe mich an nicht sehr viele Menschen gehalten.
Und deswegen war ich nicht nur traurig, sondern auch sauer und wütend. Wütend über mich und über meinen Bruder und über die ganze Welt, die mich plötzlich allein gelassen hat. Das sind aber nur Gefühle und nicht die Wahrheit und das weiß ich auch. Wenn nämlich so viele Menschen um dich herum sind, dass du dir wünschst, dass nicht alle fünf Minuten das Telefon klingelt, dann ist man nicht allein.
Allein im aller innersten vielleicht. Verlassen von einer Zukunft, die es einmal gegeben hat. Ich kann also nicht wütend sein auf die Welt, denn sie ist da und wird auch immer da sein, auch wenn sie sich immer ändert. Ich kann auch nicht sauer sein auf meinen Bruder, denn ich bin der festen Überzeugung, dass keiner seinen Bruder nicht lieben kann, wenn ich ihn auch nicht verstehe. Ich bin vielleicht noch sauer auf mich selbst, aber ich glaube, dass ich das nicht sein muss.
Die nächsten Jahre werden sehr schwer werden. Ich weiß, dass ich ein Leben führe, welches mein Bruder mit Sicherheit auch hätte führen können. Sicherlich sogar um ein vielfaches besser als ich. Ich betrachte mich nicht als Spiegel oder Ersatz für meinen Bruder. Ich kann nicht sein, was ich nicht bin.
Ich werde versuchen, erneut, mir eine Zukunft vorzustellen, in der ich und alle leben können, ohne Tim im hier, sondern im war. Ich werde mein bestes dazu tun. Versprochen.

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