Auf dünnem Eis spazieren gehen

Du bist eingebrochen. Gerade noch war es nur ein heiterer Spaziergang. Die Sonne schien, aber es war eine kalte, sehr klare Luft um dich herum. Du liebst es dann tief einzuatmen und mit einer dezenten Zurückhaltung die warme, dampfende Luft wieder auszuatmen. Es erfrischt dich und macht deinen Kopf frei. Und so bist du durch die Stadt gegangen. So bist du auch durch den Wald gegangen und über die Berge. Am Ende bist du am See angekommen und kamst nicht auf die Idee, dass sich etwas hätte ändern können. Ganz ehrlich, sah der Boden im Wald und in der Stadt nicht viel anders aus als hier auf dem See. Und dort drüben war doch schon der nächste Ort, die nächste etwas andere, aber trotzdem teilweise vertraute Stelle, auf der du gehen würdest. Natürlich gab es schon den ein oder anderen Stein, den du beiseite räumen musstest. Es war auch mal ein Schnürsenkel gerissen oder dir lief die Nase. Jetzt aber, bist du eingebrochen. Und du versuchst zu schwimmen. Du bewegst die Arme und du schwimmst. Aber es ist nicht einfach. Du schwimmst und tauchst unter und kommst wieder hoch. Alles bleibt am gleichen Fleck. Du strampelst und platschst und schiebst und drückst und wedelst mit den Armen, aber kaum etwas ändert sich. Aber du musst ans Ufer. Du kannst hier nicht im Wasser bleiben, weil du sonst erfrieren wirst. Du merkst wie die Kälte in dir hochsteigt und schon sehnst du dich nach der Stadt oder dem Wald, wo der Boden so schön fest war. Du sehnst dich auch nach den Steinen und den gerissenen Schnürsenkeln. Du erinnerst dich daran wie gern du die kalte, sehr klare Luft einatmest. Und je mehr du dich erinnerst, desto weniger Lust hast du eigentlich

weiterzuschwimmen. Du verlierst den Antrieb und siehst das Ufer

schon gar nicht

mehr. Deine Arme liegen nah an dir und du

willst das bisschen

an Wärme,

dass du noch

hast

an dir

halten.

Dann aber kommen deine Freunde. Und deine Eltern und deine Kollegen und Menschen die du nie gesehen hast und Ideen kommen zu dir. Und dann kommt noch die Sonne und die kühle gute Luft. Und dann kommt noch das Theater und dein Blog und die Schule kommt zu dir und deine Familie kommt zu dir und hunderte freundliche Menschen kommen zu dir und alle greifen nach deinen Armen und nach deinen Beinen und heben dich aus dem Wasser und setzen dich mit einer Bestimmtheit und einer Klarheit zurück auf deine Beine. Du frierst auch nicht mehr. Du bist gar nicht mehr nass von dem kalten Wasser. Du läufst und läufst über den See, fliegst beinahe darüber hinweg.

Wir laufen alle mal auf dünnem Eis. Wir werden alle einbrechen. Wieder und wieder werden wir aus dem Wasser gehoben, bis wir selbst ans Ufer gelangen. And so we beat on…

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