Wir, die Rastlosen, sprechen zu euch

Wir sind rastlose Menschen geworden. Wir öffnen viele verschiedene Türen und finden neue dahinter. Die Anzahl der Türen bekümmert uns nicht, weil wir immer nur eine öffnen um dahinter wieder eine zu öffnen. Wir übersehen den Rest und finden den Anfang nicht mehr. Wo war die erste Tür? Die erste Tür ist hinter der nächsten.

Wir fahren Fahrrad, kaufen teure Nahrungsmittel, kaufen Dienste im Internet und hören von technischen Neuerungen, die wir uns zum Teil leisten können. Können wir sie uns nicht leisten, lösen wir unsere Sparbücher auf oder unterstützen eine Kampagne auf kickstarter mit einer Kreditkarte, die wir uns nicht leisten können.

Wir fallen zurück und merken, dass wir nicht weiter kommen. In Scham verstecken wir uns vor der Gesellschaft, die von uns verlangt eine Tür nach der anderen zu öffnen. Wir finden neue Ideen und probieren sie aus. Meistens bringen wir nichts zu Ende. Wir fangen direkt mit dem nächsten an.

Steve Jobs hat uns beigebracht, dass man keine zwei Dinge auf einmal tun kann. Unser Chef bringt uns bei, dass alles Chaos ist und man sich freuen kann, wenn morgen der Arbeitsplatz noch existiert. Menschen werden in Mitarbeiter und Kunden eingeteilt. Alle sind sehr geehrt und ich wünsche jedem einen schönen guten Morgen, Tag und Abend. Es ist schön hier und herzliche Grüße aus einem sonnigen/regnerischem/windigem Dortmund.

Der Weg zur nächsten Tür ist zu weit. Ich kaufe mir für 19,99 einen Flug dahin. Das mache ich über das Internet, wo ich gleichzeitig auch noch Youtube-Videos / Channels / Live-Shows schaue. Dort träume ich manchmal Spiele-Moderator zu sein oder Tischler oder Elektrofachmann oder Werbetreibender.

Wir fangen wieder von vorne an, schreiben manchmal darüber, bloggen oder so.

Wir finden kein besseres Leben. Manchmal schleicht sich der Gedanke ein, dass sich nichts ändern wird, das wir so bleiben werden wie unsere Eltern und diese davor. Unsere Eltern werden dabei äm…. mein Handy klingelt/vibriert/blinkt.

Die Blicke gehen vom Monitor zum großen Fenster und zurück und ich schreibe. Ich könnte ewig schreiben, Zeichen für Zeichen, es sind bereits 2128. Ich habe keinen Wert für diesen Text festgelegt. Es ist auch kein Wert, es ist wertlos. Ich schreibe das für mich. Ich schreibe als Therapie, weil mir was fehlt.

Alle heiraten, alle lieben, alle finden irgendwen, alle haben Bedürfnisse, alle gehen erwachsen damit um, alle versuchen das selbe in allen zu sehen. Was ist falsch mit mir. Analyse:

-Youtube
-Internet
-Job
-Wohnung
-teure Lebensmittel
-Elektrotechniker
-Business
-IKEA
-Apple
-Schreiner
-Kreditkarte
-Geldnot
-hohes Gehalt
-introvertiert

–> Ergebnis: muss wohl seelisch stark geschädigt sein, hat dabei den Faden verloren, muss nur Chancen auf dem Silbertablett….. ich will dir doch nur helfen. Mir muss nicht geholfen werden. Ich bin nicht unglücklich. Ich bin manchmal gelangweilt. Das ist alles. Ich schreibe aus Langeweile. Das hier hat keinen Wert.

Die Vergangenheit wird sich nicht ändern, die Zukunft wird so weiter gehen, wie auch schon bei den letzten 100 Texten. Ich finde eine neue Tür und ich mache sie auf. Dahinter wartet eine neue, interessante Kleinigkeit. Ich versuche sie aus und finde dabei die nächste Tür. Mein Leben lang werde ich Türen öffnen. Es gibt kein Ende bis zum Ende der Welt. 1914. Was für ein bescheuertes Jahr das war.

h473

Mein Körper besitzt nachweislich, genetisch bedingt sehr viele Rezeptoren für das Hormon h473. Das bedeutet, wann immer viel von diesem Hormon gebildet wurde, ergibt sich ein tiefes Gefühl der Befriedigung. Ich weiß auch, dass h473 genau dann produziert wird, wenn ich in Situationen komme, in denen ich mich mit anderen streite, egal weswegen. Und je gemeiner und stärker die Beleidigungen sind, die in solchen Streiten fallen, desto mehr h473 wird in diesen Situationen produziert. Das müssen auch keine wahren oder begründete Argumente sein. Es reicht, wenn ich merke, dass es den anderen verletzt und zurückwirft. Ich würde sogar sagen, dass die Beleidigungen in solchen Streiten mehr h473 produzieren.

Ich streite mich sehr selten, weil ich das weiß. Wenn ich mich jedoch streite, können diese sehr heftig ausfallen. Menschen sehen mich dann oft geschockt an, weil sie es nicht von mir erwarten, so „auszurasten“ und denken dann oft, dass sie was falsch gemacht haben oder dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe. Es ist nicht selten, dass ich dadurch sehr isoliert war. Nur ein Ortswechsel, bzw. ein absoluter Wechsel meines Umfelds gab mir eine neue Chance, von der ich aber wusste, dass sie nur temporär war. Ich wusste, dass ich irgendwann wieder h473 brauchte, wie ein Süchtiger sein Heroin.

Ich will nur wissen, ob das einen schlechten Menschen aus mir macht.

Ich will

Würde ich die Gesamtheit meines Lebens in kleine Einzelstücke zerschneiden, dann hätte ich am Ende eine Aneinanderreihung von Ereignissen, welche durch die zeitliche Abfolge sortiert wären. Das was dazu kommt ist die inhaltliche Verknüpfung, welche jeweils zwei oder mehrere Ereignisse miteinander Teilen. Ein Ereignis kann dabei nicht direkt neben dem anderen stehen und trotzdem eine Verknüpfung bilden.
Die Verknüpfung kann dabei wirklich von Bedeutung sein, aber wie kann ich entscheiden , ob sie nicht auch ohne dazu geführt hätte. Ich meine dabei nicht, dass ich eine Szene durch eine Andere ersetze oder einfach nichts tue, nein, ich meine die radikale Auslöschung dieser Szene, dieses Momentes.
Man könnte meinen das es nicht dazu kommen könnte, weil allein die Zeit eine andere wäre, weil die fehlende Szene den Gesamtstrang verschieben würde und die vorher verbundene Szene etwas früher stattgefunden hätte.
Abgesehen davon jedoch finde ich es schwierig zu glauben, dass das Ereignis ohne diese Bedingung existiert hätte. Es ist doch dann nämlich zumindest so und selbst wenn ich es im nachhinein nur interpretiere , dieses Ereignis inhaltlich so fest verknüpft ist, dass zwar alles gleich sein kann , sogar die Zeit, aber die Verknüpfung des Inhalts mit dem anderen Inhalt wäre unwiderruflich zerstört, auch wenn sich kein direkter oder indirekter Zusammenhang mehr zeigen oder beweisen lässt. Somit jedoch, wird jedes Ereignis vor dem bestimmten Ereignis eine Bedingung für dieses bestimmte Ereignis.
Somit wird meine Gegenwart ganz entschieden von den vergangenen Ereignissen geprägt. Ich bin die Summe der Ereignisse meiner Vergangenheit. Ein Ereignis dabei ist nichts anderes als alles was zu einer bestimmten Zeit geschah, unabhängig von seinem Ort. Also sind die Ereignisse von allem beeinflusst und das zeitlich und örtlich unbegrenzt. Mein Jetzt wird bestimmt von einer unendlich , zumindest mathematisch gesehen unendlichen Menge von Ereignissen.

Und dann kommt der freie Wille. Das Phänomen. Die kleine Illusion Nein sagen zu können, wenn alles auf Ja hindeutet. Schaut man in die Vergangenheit, dann würde man den freien Willen nicht mehr entdecken. Man würde durch einen übermenschlichen Akt feststellen müssen, dass nur eine sehr begrenzte Anzahl von Möglichkeiten übrigblieb, dass der freie Wille nur aussucht aus einer winzigen Menge heraus. Oft wird man sogar feststellen, dass die einzelne Entscheidung den Fluss des vorher bestimmten in keinster Weise gestört hat, so dass es zwar eine Entscheidung gab, wo auch immer sie herkam, sie aber keine Bedeutung hatte.
Aber trotzdem. Was ist dieser freie Wille ? Er entfernt sich völlig von der Betrachtung. Er entwickelt eine eingeschränkte Art dieses Systems, das ich zu Anfang beschrieben habe. Er hat nur bestimmte Möglichkeiten. Er wird durch alles beeinflusst und vor allem durch die Vorstellung eines Ichs , dass durch sehr viele Faktoren gebildet wurde und immer noch gebildet wird. Und ich habe am Ende nur noch zwei Möglichkeiten aus diesem Wulst von Möglichkeiten. Handle ich so wie ich wahrscheinlich handeln müsste, eben so wie es mir meine Erfahrungen diktieren oder handle ich nicht so. Das Ich bietet diese Möglichkeiten. Das Ergebnis dieser Entscheidung verlangt Anpassung an eine Anzahl von möglicher Entscheidungen, da sich meine vorher gelernten Atribute mit den Möglichkeiten nicht genau decken, aber das sind weniger Entscheidungen, als Zurechtbiegungen.