blue dreams

Im Moment habe ich unglaubliche Angst davor, dass es den nächsten Tag geben wird. Ich habe sogar Angst vor der nächsten Minute. Ich möchte nicht sagen,dass ich im Moment paranoid bin, da ich nicht vor einer Person oder mehreren anderen Personen Angst habe, sondern ich habe eine ganz massive existentielle Angst davor zu sein. Meine Angst begründet sich dabei auf den Charakter, der sich nicht als sich selbst erkennen kann. Es sind Ängste wie das Fehlen von Wörtern, die einem nicht einfallen, also die Angst das der Verstand sich selbst nicht wiedererkennt und somit zum Anderen wird, also zum nicht Ich. Dieses ist für Schön-Redner nur eine Verbesserung oder ein Lerneffekt, aber genau so gut ist ein Lernen in Verlust ein Lernen. Eine Erfahrung, die ich nicht machen möchte. Ich will nicht weniger sein und mich damit abfinden oder entdecken dass ich weniger bin , als ich mir vorher gedacht habe. Mein Sein soll konstant sein. Ich möchte dass ich mich in Glas gegossen irgendwo wiederfinde und genau weiß dass ich das bin, abzulesen an einer kleinen Plakette vor derjenigen, mit unverwechselbaren Merkmalen in einer unverwechselbaren Zusammenstellung wie sie nur bei mir vorkommt. Ich will mir selbst helfen, aber ich kann mir nicht selbst helfen, weil ich nicht bin.

blue sky

Blau.
Aufstehen, einsehen das man auf dem Boden lag.
Der Boden war hart und die meiste Zeit hast du wohl auf nur einer Seite gelegen.
Deswegen schmerzt deine rechte Schulter. Du hast einen fahlen Geschmack im Mund.
Komisch das du dich an die letzten 12 Stunden erinnerst. Normalerweise ist das nicht
der Fall. Da war das meiste so wie jeden Tag. Es ist deine Routine gestern gewesen und
trotzdem bist du jetzt an einem Ort mit blauem Himmel.

Aber was war gestern ? Du resümierst das du wie immer in deiner Zelle aufgewacht bist. Die
Tür dazu noch verschlossen, jedoch fiel Licht durch den kleinen Spalt oberhalb deines Gesichts.
Du hast versucht dich in halb gehockter, halb stehender Haltung auszuruhen. Die Luft die du jetzt
in deiner 2 Quadratmeter Zelle einatmest ist wie immer gefüllt von Staub und Rauch der dir
herüber wehte von den Öfen die die Duschen befeuerten. Zumindest sagten sie dir das immer. Es gab in
diesem Raum nichts. Es war so klein, dass man nicht sitzen geschweige denn liegen konnte. Deine
Kleidung stank wie jeden Tag nach Unrat und deinen eigenen Fäkalien. Niemand hatte dich in den
letzten zwei Tagen gesprochen nachdem sie dich hier her gebracht haben.

Anfangs war es nur ein Morgen gewesen wie jeder andere. Du musstest zum Durchzählen auf dem Hof stehen.
Das war für sie das wichtigste, das hattest du gelernt. Die meiste Zeit ließen sie dich mehrere Stunden
so auf dem verschlammten Hof vor deiner Baracke stehen. Du hattest weder Zeit gehabt etwas zu essen oder
zu trinken, davon abgesehen hattest du auch nie etwas zu essen zu dieser Zeit und das Wasser das du dir
eingeteilt hattest war entweder verschwunden oder so abgestanden das du befürchten musstest daran zu sterben.
Und sterben war einfach in diesen Anlagen. Die Arbeit, die sie hier verrichten sollten, war weder von großem
Nutzen noch war sie einfache Beschäftigung. Sie war genau so auf dich eingerichtet worden, dass du aufgibst.
Dich selbst aufgibst. Da war zum Beispiel das Arbeiten an den Mauern. Ein sinnloser Akt , der von dir
verlangt hatte einen tiefen Graben auszuheben. Du konntest dir vorstellen , dass die Idee dahinter das
vergraben der Toten war , die du jeder Zeit neben dir oder unter dir in deinem Bretterverschlag von Bett finden konntest. Nach einigen Wochen merktest du jedoch, dass sie dir befahlen die selbe Erde wieder in ein anderes Loch zu schaufeln. Das Lager war voll von lockerer Erde. Dir fiel auf wie lange sie das schon praktiziert haben.
Daneben gab es das Schieben von Rollen zum festigen der Erde. Diese Rollen, größer als du selbst, waren an für sich schon schwer. Doch waren sie innen hohl und wurden mit Wasser gefüllt. Alleine war diese Arbeit für niemanden zu schaffen. Du konntest trotzdem beobachten wie einige von ihnen geschlagen und getreten wurden. Zum Teil sogar mit dem Pistolenknauf so stark auf den Kopf , dass du bald wieder Löcher graben würdest.

Dieser eine Appell aber. Er war wie immer. Gerade stehen , gerade aus schauen und dabei die Nummer bejahen , wenn du denn
aufgerufen wurdest. Dieser Tag war nicht anders als sonst. Du kamst heraus und wurdest aufgerufen. 20188,20189,20191.. das bist du. 20191. Wieso du diese Nummer hattest wusstest du nicht und du konntest dir auch nur vorstellen , dass es ihnen die Verwaltung erleichterte.

Die eine Nummer fehlte seit einigen Tagen. Die Nummer vor dir. Du hast es nicht richtig mitbekommen, aber deine Frau war auf einmal nicht wieder von der Arbeit gekommen. Das wurde dir jetzt jeden Morgen bewusst . Sie sagte dir noch wie sie sich freuen wird, wenn sie das Loch endlich fertig hatten. Dann , so glaubte sie , könnte sie vielleicht in der Teebeutelfabrik arbeiten, waren es doch die meisten Frauen. 20189, deine Frau, war seit dem Tag nicht mehr.

Der Appell also. Du hast nach vorne geschaut und hattest „Jawoll“ gerufen. Alle taten da so, weil sie es auch taten, wenn sie es mussten. Danach kam die nächste Nummer dran , aber heute nicht. Heute sagten sie “ Mitkommen, dalli, dalli „. Du hast dich sehr erschrocken. Du weist nicht mehr genau wieso du nicht sofort mitgegangen bist. Auf jeden Fall bemerktest du zwei Hände an deinen Armen und einen Schlag auf deiner Stirn. Dann warst du hier in dem kleinen Raum.

Der erste Tag, sogar die ersten Stunden waren die Hölle für dich. Du hattest zunächst wenig Problem mit der Enge. Eng war es in den Baracken ja schließlich auch, aber hier , in diesem Steinloch war es so als würde dir der Raum selbst die Luft nehmen. Du konntest deine Beine nicht richtig beugen. Dadurch schmerzten sie nach einiger Zeit so heftig, dass du alles mögliche versuchtest um dich bemerkbar zu machen. Das half dir nicht. Daraufhin kam nach einigen Stunden die Erschöpfung das ständige stehen schmerzte nicht nur, es brachte dir keinen Schlaf. So konntest du dich nur halb hocken halb stehend zwischen den Wänden einkeilen, was deine Knie und deine Füße nur noch stärker stechend schmerzen ließ. Die einzige Möglichkeit auf Schlaf war es dann darauf zu warten, dass beide Körperteile taub waren vor Schmerz.

Hier auf der Wiese, sehr hell war es nicht, bist du aufgewacht nachdem du dich wieder halb taub hingehockt hattest. Das grüne Gras war feucht , was bedeutete das es morgen sein musste und der Tau noch an den Halmen hang. Dein Blick fiel auf die Umgebung. Sie war nicht mehr. Dein Blick fiel auf das Lager in dem noch kein Appell statt gefunden hat.

Morgen bin ich 20 Jahre alt

Heute ist der letzte Tag des zweiten Jahrzehnts meines Lebens.
Rückblickend hat sich nur mein Wortschatz verändert. Ich sage Dinge in Situationen, in denen sie unangebracht sind. Rede zu oft im Konjunktiv, bin faul, unzverlässig. Sehe Unrecht und handle nicht, reflektiere Persöhnlichkeiten, die nicht der Realität entsprechen, bin neidisch auf Erfolg, den ich selbst nicht habe. Ich wünsche mir gestern zurück und will alles anders machen. Ich will anders sein, verhalte mich so wie ich Lust habe und zeige dabei wenig Einfallsreichtum, Spontanität oder Beständigkeit.
Alles in allem lese ich zu wenig und schaue mir immer das selbe an um eine Sicherheit zu schaffen, die nicht existiert.
Ich mache zu viele Rechtschreibfehler , bin schlecht in allen Fremdsprachen und habe weder gute Mathe noch Chemie noch Physik-Kentnisse.
Alles was ich je ereicht habe, was nicht viel ist, habe ich nicht durch Fleiß, Strebsamkeit oder Begabung ereicht, sondern nur weil ich in bestimmten Momenten Glück hatte.
Ich bin viel zu pessimistisch.